Weiterer Rückzug: Fremdvermietung der Gastro-Räume

Nach dem Rückzug von Bärbel und Aggi bestand das Gastro-Team nur noch aus gruppenfremden Mitarbeitern. Der Versuch, den Gastrobereich trotzdem wie unser Café-Restaurant weiterzuführen, ging – vor allem ökonomisch – schief. Schnell häuften sich die Verluste (mit dem nach wie vor gesponserten ARENA-Theaterbetrieb) auf nahe 25.000 DM monatlich.

So konnte es nicht weitergehen.

Das Café-Restaurant wird zur Pizzeria

Pizzeria-Betrieb in der Krebsmühle

In dieser Situation schien der Vorschlag unserer italienischen Mitarbeiter, den Restaurantbetrieb auf eigene Rechnung als Pizzeria weiterzubetreiben, als Ausweg, mit dem mindestens die hohen Verluste aufgefangen werden könnten, da jetzt hier keine Löhne mehr gezahlt werden mussten.

Der Versuch scheiterte aber schon bald. Es stellte sich heraus, dass es keinen Bedarf für eine weitere Pizzeria in der Region gab. Ohne ARENA und den gewohnten ASH-Trubel blieben die Gäste weg, neue kamen kaum hinzu, die Umsätze reichten nicht für Löhne, geschweige denn zur Zahlung von Miete.

Nachdem zusätzlich die gewohnte Nutzung der Räume als ‘Wohnzimmer’ für die Gruppenmitglieder zu Konflikten führte, wurde die Frustration allgemein und klar, dass dieser Ansatz keine Perspektive hatte.

‘Linse’ und Disco

Isolde und Gabi, Betreiberinnen der neuen ‘Linse’. Gabi war die Lebensgefährtin von Tom, dem Disco-Betreiber.

Mitte 1988 erhielten wir eine Anfrage von einem Disco-Betreiber, der die gesamte verfügbare Gastro-Fläche anmieten wollte. Entstehen sollte auf dieser Fläche sowohl ein Disco- als auch ein Restaurantbetrieb, beides durch eine dicke Schallschutzmauer voneinander getrennt. Sämtliche erforderlichen Um- und Ausbauten würden von den Betreibern als Mietereinbauten übernommen werden. Für die Disco-Räume würden wir monatlich 5.000 DM Miete erhalten, für das Restaurant zusätzlich 3.000 DM.

Dies war ein Angebot, das wir in unserer Situation einfach nicht ablehnen konnten. Die Mieter waren solvent und würden ihre Miete zahlen können, der ‘Business-Plan’ war einleuchtend, die Betreiber erfahrende Gastronomen – das schien Hand und Fuß zu haben und würde uns aus unserer finanziellen Misere heraushelfen.

Zwar gab es Bedenken in bezug auf die Disco, vor allem bei PuFo und Harald Pawlowski, der gerade seine neue Wohnung im Alten Haus bezogen hatte, aber wir erreichten doch – wenn auch widerwillig und nur unserer prekären Lage geschuldet  – deren Zustimmung zu dieser Vermietung. Am 1.10.1988 wurden die Pachtverträge unterschrieben.

Dezember 1988: Eröffnung der ‘Linse’

Wenig später starteten die Umbauarbeiten. Nach der Erstellung der Schallschutzwand wurde parallel an der Disco und dem Restaurantbereich gebaut. Beim Restaurant, für das die Konzession ja schon vorhanden war, ging das zügig, so dass die Eröffnung schon im Dezember 1988 gefeiert werden konnte. Es wurde ‘die Linse’ getauft und verriet im Slogan (kunstvoll essen & trinken) schon den Anspruch an eine gehobene Gastronomie.
Daneben wurden wechselnde Ausstellungen mit Gemälden regionaler Künstler zum Markenzeichen.
Die Logofarben grün (Schrift) und blau (Linse an der Gabel) wurden zu den Hausfarben und dominierten danach 30 Jahre lang den Stil der Einrichtung:

Erfolgsmodell Linse

In den folgenden Jahren wurde die Linse zu einem tragenden Bestandteil der Krebsmühle. Sie trug ganz erheblich zum guten Ruf der Krebsmühle bei, den sie heute hat. Dies ist vor allem Isolde zu verdanken. Die erfüllte sich mit dem eigenen Restaurant einen Lebenstraum, für den sie ihren sicheren Bürojob aufgegeben hatte.

Dabei hatte sie zunächst keinerlei gastronomische Erfahrung und musste sich – fast in alter ASH-Manier im Learning-by-doing-Verfahren – die nötigen Kenntnisse erarbeiten, mit allen Irrwegen und Misserfolgen, die dies bedeutet. Denn schon nach kurzer Zeit wurde ihrer Partnerin Gabi der Job zu anstrengend und sie stand alleine vor der Aufgabe, die Linse zu dem Ort zu machen, der ihr vorschwebte.

Mit großer Hingabe und Zuwendung erarbeitete sie sich ein Stammpublikum, das auch über die Anfangsschwierigkeiten in Küche und Service hinwegsah. Als endlich alles ‘stimmte’, erreichte die Linse im Gastronomieführer der Region ‘Frankfurt geht aus’ mehrfach 1. und 2. Plätze in der kulinarischen Bewertung.
Was die Gäste erwarten konnten zeigt beispielhaft die hier hinterlegte Speisekarte.

Da auch die Gruppenmitglieder willkommene Gäste in der Linse waren, hatten wir mit dieser Fremdvermietung einen echten Treffer gelandet.

Discothek in der Krebsmühle?

Ganz anders als die Linse entwickelte sich der zweite Teil des Vorhabens. Während Isolde und Gabi sich gut in den Krebsmühle-Zusammenhang einfügten und sich als Teil der Gruppe begriffen, war die Disco für ihren Betreiber Tom nur eine von vielen, mit denen er beschäftigt war. Der war also kaum anwesend und überließ die Überwachung der Arbeiten vor Ort seinem Partner Manfred, der – anders kann man es nicht sagen – nur am Geld interessiert und ansonsten ein echter Widerling war.

Konzessionsschwierigkeiten

Das Unternehmen stand unter keinem glücklichen Stern. Zwar war auch hier der Aus- und Umbau schnell durchgeführt worden, aber zur Erteilung der Konzession musste ein neuer Nutzungsänderungsantrag gestellt werden, der vom Oberurseler Magistrat genehmigt werden musste. Dass dieser nicht unbedingt zu den Freunden der Krebsmühle zählte, haben wir schon ausführlich beschrieben.

Also wurden in aller Ruhe die Stellungnahmen der Fachbehörden in Oberursel und Frankfurt eingeholt. Die fielen zwar allesamt positiv aus, wurden aber vom Magistrat mit der Begründung abgewiesen, die Gefahrensituation bei der Einfahrt zur Krebsmühle sei nicht angemessen berücksichtigt worden. Eine erneute Begutachtung sei erforderlich. Als auch diese wieder positiv ausfiel, entschied der Magistrat: Nein, keine Disco, Einfahrt zu gefährlich.

Unter Druck

Diese Entscheidung erreichte uns Mitte 1989 und brachte uns unter gewaltigen Druck. Einerseits entgingen uns 5.000 DM monatliche Mieteinnahmen, die längst verplant waren und dringend gebraucht wurden, andererseits drohten die Disco-Betreiber zusätzlich mit Schadenersatzforderungen.

Wir erhoben beim Regierungspräsidium Einspruch gegen die Magistratsentscheidung und bekamen Recht, allerdings erst Monate später, im Januar 1990. 14 Monate waren zwischenzeitlich vergangen, 70.000 DM an geplanten Mieten nicht geflossen. Und auch die nun erzwungenermaßen von Oberursel erteilte Genehmigung war vergiftet: Auflage war die Errichtung von 5 Straßenlaternen durch die Mainkraftwerke bei voller Kostenübernahme durch die Krebsmühle. Der Kostenvoranschlag dazu kam Anfang März mit 40.000 DM. Mittlerweile waren 16 Monate vergangen.

Eine Party und die Folgen

Zwischenzeitlich hatten die Disco-Betreiber mit einer Party die Akzeptanz ihres Publikums für eine Disco in der Krebsmühle getestet. Die war gewaltig. Und wir erlebten unmittelbar praktisch, wie schrecklich ein Disco-Betrieb in der Krebsmühle tatsächlich werden würde. Hier hatte unsere Geldnot uns auf einen Irrweg gebracht. Die Akzeptanz in der Gruppe (mit ihren Wohnräumen direkt angrenzend an die Disco) sank schlagartig auf Null, die gerade in ihre neue Wohnung eingezogene Familie Pawlowski machte unmissverständlich klar, dass man sich gegen die Lärmbelästigung zur Wehr setzen würde.

Lieber ein Ende mit Schrecken …

Nachdem neue Lärmmessungen durch Sachverständige aufzeigten, dass das Problem – wenn überhaupt – nur durch erhebliche Schallschutzmaßnahmen zu beheben sei, war die Luft raus. Die Disco-Betreiber wollten nicht weiter investieren, wir wollten und konnten die 40.000 DM für Straßenlaternen nicht aufbringen und überdies sowieso keine Disco mehr auf der Krebsmühle.

Über Monate entstand eine Pattsituation mit fertig eingerichteten, aber ungenutzten Disco-Räumen und gleichzeitig weiter fehlenden Mieteinnahmen, die wir dringend gebraucht hätten. In vielen Krisensitzungen gelang schließlich eine Einigung: gegen eine Abstandszahlung von 160.000 DM beerdigten die Disco-Betreiber das Projekt. Der Pachtvertrag wurde aufgehoben, die Räume konnten anderweitig verwendet werden.

Die Disco-Geschichte war der größte Flop in der Entwicklungsgeschichte der Krebsmühle und angesichts unserer finanziellen Misere eine absolute Katastrophe. Zusammenfassend beschrieben und öffentlich gemacht haben wir sie in einem Artikel in unserer neu aufgelegten ‘Stadtgrenze’.

© Hilfe zur Selbsthilfe e.V.