‚Wandelsblatt’/Contraste –
das neue Flaggschiff der Bewegung

Die ‚Wir wollen´s anders‘ (WWA) und deren Nachfolge, die ‚Basis‘, hatten wir von der Krebsmühle aus alleine nicht lange tragen können. Die folgende ‚Betriebszeitung in der TAZ‘ war zwar in der Zwischenzeit wie geplant monatlich erschienen, dies aber einerseits unter großen Mühen, andererseits nicht wirklich befriedigend: was will man auf nur zwei Zeitungszeiten schon groß berichten, geschweige denn diskutieren.

Etwas Neues, der neuen Stärke der Bewegung angemessenes, musste her. Darüber wurde in einer der Arbeitsgruppen während der Projektemesse 1984 diskutiert. Beschlossen wurde, diesmal in noch breiterem Rahmen einen neuen Versuch zu starten. Mehrere Kollektive erklärten sich bereit und dazu in der Lage, rotierend die Redaktion für eine neue, monatlich erscheinende  Zeitung zu übernehmen.

Deren Name war angesichts des gestiegenen Selbstbewußtseins der Bewegung schnell gefunden. Das ‚Handelsblatt‘ war das Flaggschiff der etablierten Wirtschaft – unser Forum für Information und Diskussion der sich entwickelnden selbstverwalteten Wirtschaft ‚im Wandel‘ würde deshalb Wandelsblatt heißen.

Dies war natürlich eine Provokation, verstärkt noch dadurch, dass wir die Gestaltung des Zeitungskopfes ‚ziemlich eng‘ an das Format des ‚Handelsblatt‘ anlehnten. Das Editorial der ersten Ausgabe ordnet das ‚Wandelsblatt‘ historisch ein, beschreibt die Entstehung und die Ziele.

Professionelle Produktion

Als sehr wichtig und vorausschauend sollte sich erweisen, dass die neue Zeitung von Anfang an professionell betreut wurde: die Gestaltung/das Endlayout übernahmen die Profi-Setzer von ‚Zündsatz‘ in Heidelberg, gedruckt (und mit Adressaufklebern für den Versand versehen) wurde auf der Rollenoffsetmaschine von Caro-Druck in Frankfurt, den Vertrieb übernahmen ASHler und Kolleg*innen vom Blätterwald in der Modellfabrik.

Titelvariationen … das ‚Wandelsblatt‘ wird zu ‚Contraste‘

Zwei Ausgaben des ‚Wandelsblatt‘ waren erschienen, als zunächst der Druckerei ‚Caro-Druck‘ und später der ASH als Vertreiberin eine einstweilige Verfügung ins Haus flatterte, mit dem uns die Nutzung des Titels verboten wurde.

Diese Kampfansage wollten wir annehmen und wehrten uns zunächst per Presseerklärung (immerhin verschaffte uns dies unerwartete Publicity), änderten aber vorsichtshalber den Titel ironisch in ‚Wandersblatt – Zeitung für den längeren Atem‘.

Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass in solchen Fällen der ‚längere Atem‘ bei dem liegt, der über entsprechende Geldmittel verfügt und den ‚Streitwert‘ einfach so hoch ansetzt, dass man schlicht nicht mithalten kann. Das war uns die Sache nun doch nicht wert. Nachdem das ‚Handelsblatt‘ sich bereit erklärte, bei Verzicht auf den Titel ‚Wandersblatt‘ die entstandenen Kosten des Verfahrens zu übernehmen (siehe das Editorial zur ersten Ausgabe als ‚Contraste‘), wurde bei den folgenden Wintertagen in Berlin der neue Titel ‚CONTRASTE‘ beschlossen. ‚Wer das Geld hat, hat …. keinen Humor‘ war der Titel unseres abschließenden Kommentars zu diesem Thema.

Aus dem Verlegenheitstitel wird eine Dauerlösung

Der Name ‚Contraste‘ war eigentlich nur als Provisorium gedacht („solange uns nichts Besseres einfällt“), blieb dann aber bestehen. Lediglich die Unterzeile wurde wieder in ‚Zeitung für Selbstverwaltung‘ geändert. Über einige Jahre erfüllte Contraste die ihr zugedachte Funktion als Informations- und Diskussionsmedium der Selbstverwaltungsbewegung.

Die Redaktionstreffen (und damit die Zeitung) am Laufen zu halten war wesentliches Verdienst von Dieter Poschen, dem ursprünglichen ‚Zündsetzer‘, für den die Zeitung zum Lebenswerk wurde und deren ‚Chefredakteur‘ er bis zu seinem Tod 2013 war. Dazu fanden (und finden) sich immer Redakteur*innen, die ihre Beiträge aus Überzeugung (= ohne Bezahlung) abliefern. Denn – das ist das Erstaunliche – die Zeitung hat das Dahinsiechen der Selbstverwaltungsbewegung nicht nur überlebt, sondern erscheint bis heute. Sie ist damit – wenn auch für eine andere, weiter gefasste Zielgruppe – das nachhaltigste Projekt, das in der Krebsmühle jemals ins Leben gerufen wurde. Das Layout der ‚Zeitung für Selbstorganisation‘ ist moderner geworden, die Gestaltung ansprechender und es gibt auch eine sehr gut gemachte Website, zu der wir gerne verlinken. Der Titel im Bild stammt aus 2020 (dem 37. Erscheinungsjahr) und ist die 433te (!!!) Ausgabe.

Geldprobleme gab es immer …

… und gibt es wohl noch heute, weil – wie bei der großen Schwester TAZ – immer nach mehr Abonnenten und auch nach Spenden gesucht wird, um das Überleben des Projekts zu sichern. Einer der Ansätze, da abzuhelfen, war Dieters Projekt der BUNTEN SEITEN, einer halbjährlich erscheinenden Beilage mit den nach Regionen und Branchen sortierten Adressen der existierenden selbstverwalteten Projekte und Betriebe.

Contraste und die Ökobank

Hilfreich war auch die anfänglich enge Verbindung zur Ökobank, die fast vier Jahre lang 2.500 Exemplare der Contraste (zum Preis von je 1,- DM) aufkaufte und an ihre Genossen verschickte. In der ‚Ökorrespondenz‘, dem Marketingblatt der Ökobank, erschien zusätzlich regelmäßig eine kostenlose Anzeige für Contraste.

Das war das Dankeschön der Ökobank an Contraste. Die hatte von der allerersten Ausgabe an (noch als ‚Wandelsblatt‘) in ihrer Szene für die Ökobank ‚getrommelt‘ und damit nicht unerheblich zum Erfolg der Sammelaktion für das zur Bankgründung erforderliche Grundkapital beigetragen.

Dieses freundschaftliche Verhältnis änderte sich nach der Bankgründung, als Contraste 1989 die Ökobank zunächst wegen undemokratischen Verhaltens bei der Vertreter*innenwahl und wenig später wegen ihrer Kreditvergabepolitik sehr hart und teilweise auch unsolidarisch kritisierte.

Wir begründen die Ökobank

1983 erreichte uns ein Flugblatt von Lothar Witte, einem arbeitslosen Lehrer der Frankfurter Ökoszene. In der Friedensbewegung lief gerade eine Boykottkampagne gegen die Banken, die auch mit den Einlagen der Friedensbewegten Rüstungsvorhaben finanzierten. ‚Entzieht den Banken unser Geld‘ – aber wohin dann damit? Lothar sah den Ausweg: gründen wir doch eine eigene Bank mit ethischen und ökologischen Kreditvergaberichtlinien!

Wir waren sofort begeistert: wenn zu den ethischen und ökologischen Zielen auch noch die Förderung der Selbstverwaltungswirtschaft hinzugefügt werden könnte, wäre diese Bank genau das, was wir brauchten. Wir mussten da unbedingt mitmischen!

Der Verein Freunde und Förderer der Ökobank e.V.

Jutta Gelbrich im Vereinsbüro in der Krebsmühle

… wurde im Frühjahr 1984 von 16 Enthusiasten in der Krebsmühle gegründet und bezog dort sein Vereinsbüro. Von hier aus wurde zunächst die PR-Arbeit und später (nach dem GO! für die Ökobank auf der Projektemesse) das Einwerben der Einlagen der zukünftigen Ökobank-Genossen gesteuert. Im Büro saß Jutta Gelbrich, selbst ASH-Mitglied. Unser direkter Einfluss auf die weitere Entwicklung war damit gesichert.

Der war auch sehr notwendig, denn die Idee einer Bankgründung war ‚in der Szene‘ zunächst äusserst umstritten.

Akzeptanzprobleme

Es ist ein verbreiteter Reflex bei der linken Basis, alles, was größer gedacht wird, zunächst einmal als bedrohlich zu empfinden. So war auch die Idee der Ökobank für viele zunächst ein bedrohliches Monster („das wird eine zweite BfG“) und wurde deshalb abgelehnt. Dazu kam, dass deren Apologeten (Lehrer, Steuerberater, Buchhändler) in der selbstverwalteten Szene weitgehend unbekannte Größen waren. Und was der Bauer nicht kennt …

Die ASH – als selbstverwaltetes Projekt szeneweit bekannt und geachtet – wurde deshalb zum entscheidenden Bindeglied. In der Zeit zwischen Vereinsgründung und Projektemesse waren wir ständig unterwegs zu allen möglichen Veranstaltungen, um die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Ökobank für den weiteren Aufbau einer selbstverwalteten Wirtschaft zu propagieren.

Unterschiedliche Konzepte und Ansätze

Unterschwellig gab es ’schon immer‘ (seit SDS-Zeiten) einen Wettlauf zwischen Berlin und Frankfurt, wo denn nun das Herz der Bewegung heftiger poche. Der mag unterbewusst in den Diskussionen eine Rolle gespielt haben. In Berlin waren die schon vorhandenen Finanzierungsinstrumente (das Netzwerk Selbsthilfe und die Direktkreditvermittlung der Stattwerke) entstanden. Und da tauchen nun die Frankfurter auf mit ihrer Ökobank-Idee! Da ist doch zumindest Vorsicht angesagt.

In der Tat sind die Konzepte unterschiedlich: sowohl bei der Förderung der Netzwerke als auch bei der Direktkreditvermittlung gibt es einen unmittelbaren (‚menschlichen‘) Kontakt zwischen dem Geld- oder Kreditgeber und dem kreditnehmendem Kollektiv.

Bei einer Bank gibt es diesen persönlichen Kontakt in der Regel nicht. Sparer legen ihr Geld an und vertrauen darauf, dass dieses im gewünschten Sinn verwendet wird. Kredite werden bei der Bank beantragt. Banker prüfen den Antrag auf Sicherheiten (und mögliche Zinserleichterungen gemäß den Förderbedingungen). Ein weitgehend anonymisierter Vorgang, noch dadurch ‚entmenschlicht‘, dass die Bank laut Konzept zunächst ausschließlich in Frankfurt (!) arbeiten soll. Ein wesentlicher Teil der Diskussionen (und Kompromisse) bei der Projektemesse befassten sich daher mit der Frage der Regionalisierung.

Politische Kontakte werden wichtig

Die Kampagne für die Ökobank verlief erfolgreich. Bis März 1986 waren schon 3,6 Millionen der für die Bankgründung erforderlichen 6 Millionen Eigenkapital aufgebracht. Die Ökobank sollte als Genossenschaftsbank gegründet werden – was  bei den etablierten Genossen auf alles andere als Begeisterung stieß. Einen guten Artikel von Rudolf Kahlen aus dem Jahr 1987 dazu fanden wir in der ‚Zeit‘.

Während die GRÜNEN der Ökobank-Initiative anfangs ebenfall sehr skeptisch gegenüberstanden, fanden wir bei unseren Kontakten zur SPD (einer Gruppe um Rüdiger Reitz und Hans-Ulrich Klose) mehr als nur Aufgeschlossenheit: Wolfgang Roth, damals wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, wurde zum öffentlichen Unterstützer (und später Aufsichtsratsmitglied der Ökobank). Dies dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, den Widerstand des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken gegen die Aufnahme der Ökobank aufzuweichen und die Bankgründung damit möglich zu machen.

Bankgründung 1988

1988 war es dann so weit: aus der Ökobank i.G. wurde die Ökobank – und die sah mit ihren ersten Bankräumen im Frankfurter Westend exakt so aus, wie wir uns die Bank der Bewegung vorgestellt hatten.

Parkplätze gab es zwar keine, aber wenn man dann mal drin war in der ‚eigenen Bank‘ mit der gemütlichen Kaffee-Ecke und dem freundlichen ‚Du‘ untereinander war das doch ein erhebendes Gefühl von Erfolg.

Nun würde sich unter Beweis stellen, wie dieses neue Finanzinstrument, zusammen mit der Direktkreditvermittlung der Berliner und den Netzwerken, zum weiteren Wachsen der Bewegung beitragen konnte.

Wenig später gab es dann auch Ökobank-EC-Karten. Deren erste ging zufällig an Karl Bergmann, der sich noch genau an die Verblüffung und Verunsicherung erinnert, die das Vorlegen der Karte mit der Nummer 1 und der Kontonummer 43 zum großen Amusement der Anwesenden jedesmal auslöste.

© Hilfe zur Selbsthilfe e.V.