Burkhardtsdorf – Entwicklung des Projekts

Die naheliegende erste Nutzung unserer neuen Filiale war die Ablaugerei, für deren Werk- und Büroräume das Erdgeschoss ausgebaut wurde. Komfortablerweise konnte dabei der Keller für den Einbau der Abwasserbehandlung genutzt werden – ein wesentlicher Vorteil gegenüber unserer Laugerei in der Krebsmühle. Auch die SINIS-Technik hatte sich weiterentwickelt, sodass die derzeit bestausgestattete Laugerei Deutschlands nun im Osten lag.

Die Rückseite des Gebäudes mit dem sehr versteckt liegenden Eingang.

Die Ausbauarbeiten hatte unser – in der Krebsmühle nun arbeitslos gewordenes – Bauteam übernommen. Dabei entstand im 2.OG eine komplett ausgestattete 3-Zimmer-Wohnung für die Besuche aus der Krebsmühle, die danach zum Stützpunkt für unsere Aktivitäten im Osten (Tschechien, Polen und Ungarn) wurde. Die feierliche Eröffnung (mit Bürgermeister und zur Demonstration der Ablauge-Technik speziell eingeladenen Malermeistern) fand im April 1994 statt.

Die Belegschaft war zunächst rein ostdeutsch und bestand aus unmittelbar in der Nähe wohnenden Kollegen, die auch miteinander bekannt waren. Es zeigte sich aber schon bald, dass unsere idealistische Vorstellung der im Sozialismus groß gewordenen Arbeiter, die sich nun – befreit – in die Selbstverwaltung stürzen und den Betrieb eigenverantwortlich führen würden, eben das war: idealistisch oder besser noch naiv. Schon bald waren wir gezwungen, Krebsmühle-eigenes Laugereipersonal nach Burkhardtsdorf zu exportieren, um wenigstens die Qualität der Arbeit sicherzustellen. Dies waren  Mitarbeiter kurdischer Abstammung, was zu neuen (Akzeptanz-)Problemen und Fraktionsbildung führte.

Über viele Jahre weg zwang mich diese Situation zu ständigen Fahrten nach Burkhardtsdorf, um dort ’nach dem Rechten zu sehen‘ und den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten. Die fast wöchentliche Pendelei (bei gut 400 km Distanz zur Krebsmühle) wurde zur extremen Belastung und führte geradewegs zum Kreislaufkollaps und Klinikaufenthalt. Eine im Jahr 2002 entstandene Entwicklungsdokumentation macht diese Probleme deutlich.

2. Ausbaustufe: 2 Stockwerke werden zum Möbelladen

Diese Projektbeschreibung führte zu einem weiteren Kredit, mit dem wir die beiden bisher nur als Lager genutzten Stockwerke zu einem Möbelladen mit immerhin 1.200 qm Ausstellungsfläche ausbauen konnten. Ausserdem wurde in die Verbesserung der Zufahrtssituation und eine optische Aufwertung des Aussenbereichs investiert. Hier ein paar Impressionen aus dieser Zeit:

Das Grundproblem bleibt

Damit war nun ein sehr schöner Laden und – im Kontext mit der schon vorhandenen Laugerei – tatsächlich so etwas wie eine zweite Krebsmühle entstanden.

Und auch sonst entwickelte sich der Standort Burkhardtsdorf zum Kristallisationspunkt neuer geschäftlicher Ansätze. Das war einerseits die Wiederbelebung der brachliegenden SV Vertriebs GmbH als Zentrale für Ankauf und Restaurierung antiker Möbel (mit polnischen Mitarbeitern unseres ehemaligen Ausbauteams). Die Werkstatt wurde später – nach einer Razzia wegen Schwarzarbeit – von Burkhardtsdorf nach Polen verlegt. Und das war andererseits der Aufbau der Großhandelsfirma Antika (mit zunächst Möbelprogrammen aus tschechischer, polnischer und ungarischer Produzenten, die von Burkhardtsdorf gut zu erreichen waren).

Aus all dem entwickelte sich eine eigene Dynamik und eine eigene Geschichte, die aber nur bedingt mit der weiteren Entwicklung der Krebsmühle und des Hilfe zur Selbsthilfe e.V. zu tun hat und deshalb hier nicht weiter beschrieben werden soll.

Festzuhalten bleibt, dass sich seit dem Erwerb des Gebäudes in Burkhardtsdorf die Aktivitäten der Krebsmühle GmbH so sehr verselbständigten (und so viel Kraft und Energie erforderten), dass für eine Reihe von Jahren von dieser Seite aus wenig Einfluss auf die Entwicklung der Krebsmühle genommen werden konnte.

Gescheitert?

Nachdem wir für Antika/die Krebsmühle GmbH Lagerräume in der umittelbaren Umgebung gefunden hatten, verlor das Gebäude in Burkhardtsdorf sehr schnell an Bedeutung für die weitere Entwicklung. Statt das Projekt als Betriebsteil der Krebsmühle GmbH weiterzuführen, war es – angesichts der räumlichen Distanz und des damit verbundenen Aufwands – sinnvoller, eine neue Lösung zu suchen. Die bestand (und besteht) darin, das Gebäude mit seinen Betriebsteilen unseren ortansässigen ehemaligen Betriebsmitgliedern in Pacht zu übergeben. Bärbel und Alexander Felgner führen das Projekt seither als Familienunternehmen weiter (hier der Link zur Website).

Notgedrungen: eine Verschnaufpause …

Beim letzten Neubau im Betriebshof der Krebsmühle hatten wir uns verkalkuliert. Zur Fertigstellung fehlten 300.000 DM, die nachfinanziert werden mussten, ohne durch zusätzliche Mieteinnahmen gedeckt zu sein. Zwar übernahm die EKK auch diese Nachfinanzierung, betrachtete aber danach ihr Engagement bei der Krebsmühle/dem Verein Hilfe zur Selbsthilfe wesentlich kritischer. Durchaus zu Recht, wie eine im Januar 1995 von Bine durchgeführte Berechnung ergab. Demnach lagen die monatlichen Mieteinnahmen zwar bei 72.700 DM. Davon gingen aber 68.900 DM direkt in den Schuldendienst (Zinsen und Tilgungen). Dass da keine Luft mehr blieb für größere Maßnahmen versteht sich von selbst – im Gegenteil begann eine Zitterpartie in Bezug auf die Zuverlässigkeit der Mieteinahmen: da durfte es keine Ausfälle geben. Entschärfen würde sich die Situation (durch Auslaufen erster Kredite) erst wieder im Jahr 2000.

Frankfurt muss sparen

Wesentlich dazu beigetragen hatte ein Sparprogramm der Stadt Frankfurt, das zu erheblichen Einschnitten in unser Flüchtlingsprojekt führte. Dabei wurde der uns ursprünglich zugestandene Tagessatz von 42,-Euro pro Tag und Flüchtling auf 25,- Euro reduziert. Außerdem entfiel die Belegungsgarantie – ab sofort musste sich Volker selbst darum kümmern, genügend Bewohner zu finden. Für Minderbelegung gab es keinen Ausgleich mehr. Und – das Schmerzhafteste – es handelte sich nun auch nicht mehr um die Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen, sondern allgemein um die Unterbringung von Wohnsitzlosen, vermittelt über die ZVU (Zentralstelle für die Vermittlung von Unterkünften). Die Flüchtlingsproblematik bestand nach Ende der ersten Flüchtlingskrise für Frankfurt nicht mehr. Und uns ging der eigentliche Sinn des Projekts damit verloren.

Bine orientiert sich neu

Schlimmer noch war, dass Bine uns verloren ging. Die Erkundigungen im Osten (mit dem Erwerb des Ferienlagers in Lippersdorf) hatten wir noch gemeinsam durchgeführt. Anders als gedacht wurde dieses Projekt aber nie wirklich lebendig und deshalb auch nicht – wie erhofft – zum Kristallisationspunkt neuer interessanter Aktivitäten. In der Krebsmühle selbst war Stillstand angesagt, und die rein wirtschaftliche Weiterentwicklung der Betriebe war nicht Bine´s Ding. Dazu kamen einige persönliche Probleme. All dies führte dazu, dass Bine sich neu orientieren wollte. Sie verließ die Krebsmühle – ein schwerer Schlag (und für mich und das Ende eines Dreamteams).

Regina übernimmt

Die Führung des Vereins und die Verwaltung der Krebsmühle lag nun in der Hand von Regina, unterstützt von Eddi und natürlich in enger Zusammenarbeit mit Volker Morawitz, der nach wie vor das ‚Flüchtlingsprojekt‘ bzw. das, was davon übrig geblieben war, betreute. Regina gelang es, das Ferienlager in Lippersdorf wieder loszuwerden und weitere Kosten zu vermeiden (wir hatten uns beim Kauf zu Investitionen und auch zur Einstellung von Personal verpflichtet).

Die Waldorfschule zieht aus

Eine der großen Hoffnungen dieser Zeit war, dass wir im Rahmen eines Bebauungsplans die Genehmigung für den Bau neuer Schulgebäude auf dem Krebsmühlegelände erhalten würden, um die notwendige Erweiterung der Waldorfschule möglich zu machen. Daraus wurde nichts. Stattdessen fand die Stadt Oberursel auf dem von den Amerikanern zwischenzeitlich verlassenen Camp-King-Gelände Möglichkeiten für einen Schul-Neubau. Das nahmen die Waldörfer gerne wahr – und verließen die Krebsmühle.

Statt der für das Jahr 2000 erwarteten Entschärfung der Finanzsituation des Vereins ging diesem nun ein solventer Mieter großer Flächen verloren.

© Hilfe zur Selbsthilfe e.V.