Aufwand und Nutzen

Ein großes Problem in der Krebsmühle war schon immer, dass für das Aufbringen der Kosten nur die eigenen Betriebe herangezogen werden konnten. Die bezahlten also automatisch für alle Räume mit, die nicht effektiv genutzt wurden. Ganz besonders traf dies auf das Mühlengebäude zu. Das war mit erheblichen Kosten nutzbar gemacht worden, stand aber großenteils leer. Zwar hatten wir es genossen, die Infrastruktur für Gegenbuchmessen und Projektemessen zur Verfügung stellen zu können, aber nachdem die ‚abgefrühstückt‘ waren, gab es aus der Szene heraus erkennbar keinen weiteren Bedarf.

In der Krise lernt man rechnen

Eine Weile lang hatten wir die Mühlenräume den ARENA-Theatergruppen kostenfrei zur Verfügung gestellt und sie ansonsten für Seminare vermietet, was unseren Bekanntheitsgrad zwar steigerte, aber die anfallenden Kosten nicht erwirtschaften konnte. Die scharfe ökonomische Krise, in die wir seit der Gegenbuchmesse 1984 und dem chaotischen Ende der Lernwerkstatt geschlittert waren, zwang uns zum Umdenken. Es wurde immer deutlicher, dass wir es alleine – nur mit ASH-eigenen Betrieben – nicht schaffen würden, die Krebsmühle zu halten.

Publik Forum sucht neue Räume

Der Verlag Publik Forum publiziert seit 1972 die Zweiwochenzeitschrift Publik Forum – Zeitung kritischer Christen und monatlich das Themenheft Publik Forum Extra. Im Jahr 1986 lief der Mietvertrag für den Verlagsstandort in Frankfurt-Sachsenhausen aus. Die Räume waren zu eng geworden, der Standort im Industriegebiet zu unattraktiv und zu lärmig. Man war also auf der Suche nach neuen Räumen.

Kontaktaufnahme

Wie der Kontakt zu Publik Forum (bei uns kurz PuFo genannt) zustandekam, liegt heute im Dunkeln. Hatten wir von uns aus aktiv auf die Suchanzeige von PuFo reagiert? Oder hat sich Harald Pawlowski, damals Chefredakteur, über eine der Gegenbuchmessen an die mit ihrem Gebälk ‚eigentlich‘ sehr schönen Räume und die doch ruhige Lage im Vordertaunus erinnert?

Die Verhandlungen

Mühlengebäude und ‚Altes Haus‘ zum Zeitpunkt der Verhandlungen mit PuFo

Aus ersten Kontakten wurden Verhandlungen. Die große Schwierigkeit war, dass die Räume im Erdgeschoss der Mühle (damals noch belegt von unserer Firma Textline und dem Büro des Ökobankvereins) für den Verlag so nicht nutzbar waren, sondern aufwendig umgebaut werden mussten. Die weitere Schwierigkeit war, dass wir die Mittel für einen solchen Umbau angesichts unserer mehr als angespannten Finanzlage nicht aufbringen konnten. PuFo würde die Umbaukosten also vorfinanzieren müssen. Eine weitere Schwierigkeit war die schlechte Anbindung der Krebsmühle an den öffentlichen Nahverkehr. Viele der Mitarbeiter*innen bei PuFo waren darauf angewiesen – für die würde ein Pendelbusverkehr zur U-Bahn-Haltestelle eingerichtet werden müssen. Und dann war da auch noch der Allgemeinzustand des Gebäudes zum Zeitpunkt der Verhandlungen. Wie hatte der SPIEGEL bei einem Besuch des Ökobankvereins-Büros noch geschrieben: ‚Die alte Mühle mit dem buntbemalten Giebel steht mitten in der Landschaft. Der Weg zum Eingang führt über Bauschutt und durch verwildertes Gebüsch. Niemand würde auf die Idee kommen, daß in dem verwitterten Gemäuer eine Bankgründung vorbereitet wird‘. 

Wer trägt das Risiko?

Dass die Entscheidung bei PuFo schlussendlich – und unglaublicherweise – doch für die Krebsmühle ausfiel, lag angesichts dieser Umstände am Mut der beiden hauptsächlichen Enscheidungsträger und an dem erheblichen Sympathiebonus der ASH bei diesen beiden und dem mit dem Umbau beauftragten Architekten Helmut Schiesser (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Geschi-Schiesser). Der Umbau würde durch den Bautrupp der ASH durchgeführt werden, und zwar zu einem festen Etat von 80.000 DM, der von PuFo vorfinanziert und über reduzierte Mietzahlungen refinanziert werden würde. Das Risiko eventuell höherer Baukosten mussten wir übernehmen.

Neues Finanzierungsmodell

Damit war – unter der Hand und aus der Not geboren – ein neues Finanzierungsmodell entstanden. Nach diesem Schema (Vorfinanzieren und ‚Abwohnen‘) wurde das Dachgeschoss des Müllerhauses zur Wohnung für Harald Pawlowski und seine Frau ausgebaut und wurden spätere Erweiterungen der Verlagsräume finanziert.

Die wurden notwendig, weil sich Publik Forum unter dem Dach der Krebsmühle und der Geschäftsführung von Richard Bähr in den Folgejahren prächtig entwickelte.

Entscheidungsstrukturen ungenügend

1986 hatten wir die ASH-Betriebe (gegen teils heftige Widerstände) weitgehend autonomisiert, um Rechte und Pflichten der Einzelbetriebe dem Ganzen gegenüber klar definieren und vor allem die monatlichen Abgaben an das ‚Zentralbüro‘ festlegen zu können. Diese ‚Profit-Center‘-Organisation war ein weiterer Versuch, die akuten Finanzprobleme dezentral (selbstverwaltet) in den Griff zu kriegen.

ASH-Betriebe waren damals die Holzwerkstatt, die Laugerei, der Laden, das Café-Restaurant, Arena, EPS (‚electronic printing systems‘, eine Firmengründung, die sich mit dem Vertrieb von HR-Laserdruckern beschäftigte, aber nur kurzzeitig tätig und daher für den weiteren Verlauf nicht von Bedeutung war) und Textline. Alle anstehenden betriebsspezifischen Entscheidungen blieben den Einzelbetrieben überlassen.

Betriebliche Arbeitsbesprechung – Plenum – ‚Donnerstagskreis‘

Neben der verbindlichen Teilnahme an den betrieblichen Arbeitsbesprechungen gab es das zweiwöchentlich tagende ASH-Plenum (Teilnahme unverbindlich) und den ‚Donnerstagskreis‘, in dem – bei ebenfalls freiwilliger Teilnahme und unter Einschluss der Modellfabrik-Betriebe – übergreifende Themen besprochen wurden.

Konflikt um PuFo-Einzug

Im Plenum – zu dieser Zeit hauptsächlich damit beschäftigt, den aktuell nötigen akuten Finanzbedarf festzustellen und sich Wege zu neuen Krediten/Bürgschaften auszudenken – kam es bei der Diskussion um einen möglichen Einzug von PuFo zu heftigen Auseinandersetzungen (‚mit Katholen wollen wir nichts zu tun haben‘) und schließlich zum Eklat. Das mag zum großen Teil ein Generationenkonflikt gewesen sein – jedenfalls zeigte sich an dieser Stelle, dass es bei den vielen ‚Neuen‘ in der Krebsmühle kein strategisches Denken (über den Tellerrand des eigenen Betriebs hinaus) zur Entwicklung der Krebsmühle gab.

Ein Basta! wird notwendig

Wir hatten das Desaster schon einmal erlebt, als es 1985 beim Konflikt um die Zwischenprüfung der Lernwerkstatt den Lernlingen zunächst schlicht egal war, ob mit der bei Verweigerung der Prüfung angedrohten Rückzahlung der bereits geflossenen Gelder der Bestand des Vereins/der Krebsmühle gefährdet wurde.

Solches unverantwortliches Verhalten würden wir nicht mehr hinnehmen. Zum nächsten Plenum gab es eine Darstellung der Problematik am Beispiel von PuFo mit der Ankündigung der Konsequenz: der Verein (HSH e.V.) war mit Hilfe der Stiftung Umverteilen! Eigentümer der Krebsmühle. Er war verantwortlich für die Rückzahlung der Kredite und die Weiterentwickung der Krebsmühle und würde aufgrund dieser Verantwortung zukünftig auch die Entscheidungen treffen.

Dies wurde – erstmalig bei der ASH – nicht zur Diskussion gestellt, sondern vorab entschieden und verkündet.

Neues Entscheidungsgremium: der HSH e.V.

Festgelegt wurde auch, wer ‚der Verein‘ sein sollte. Das waren in erster Linie die ASH-Mitglieder, die sich nun schon lange Jahre um die Krebsmühle gekümmert hatten, die Alt-ASHler also oder die ‚Kerngruppe‘. Andere sollten sich um die Mitgliedschaft im Verein bewerben können, allerdings erst nach mindestens zweijähriger Zugehörigkeit zu einem der Betriebe.

… bleibt erst mal informell

Damit tritt der HSH e.V. erstmals als aktiver Player in der Krebsmühle in Erscheinung. Eine Formalisierung von Mitgliedschaften und Mitgliederversammlungen findet aber noch nicht statt, da über lange Jahre die Aktiven der Krebsmühle und die Aktiven in den Vereinsangelegenheiten identisch sind.

Neuer Mieter: Die ARGUK-Umweltlabor GmbH

Die ARGUK hatte als Arbeitsgemeinschaft Umweltkontrolle e.V. schon seit 1983 ihr Büro in der Krebsmühle. Der Verein hatte sich gemäss seiner Satzung zum Ziel gesetzt, durch Analysen im eigenen und unabhängigen Labor Umweltschadstoffen auf die Spur zu kommen.

1986 war es dann soweit: aus der Arbeitsgemeinschaft entstand ein Unternehmen: die ARGUK-Umweltlabor GmbH.

Da wir nach dem Bau der Terrasse Räume für Büro und Laborbetrieb zur Verfügung stellen konnten, blieb die ARGUK auch nach der Firmengründung in der Krebsmühle. Sie ist ein unabhängiges Dienstleistungsunternehmen mit langjähriger Erfahrung und breiter instrumenteller Ausstattung auf den Gebieten der Umweltanalytik, der Untersuchung und Bewertung von Innenraum-Schadstoffen und der Schadstoff-Forschung und ist seither erfolgreich für Privatpersonen, Firmen, Kommunen, Ingenieurbüros und Ärzte beratend und bewertend in vielfältiger Weise tätig.

Die ARGUK wurde damit zum zweiten, hochgeschätzten ‚Fremd’mieter in der Krebsmühle und stand den ASH-Betrieben – vor allem der Ablaugerei –  vielfach hilfreich zu Seite.

 

© Hilfe zur Selbsthilfe e.V.