Die Krebsmühle 1600-1978

1. Die Frühzeit: Erste Erwähnungen der Krebsmühle im Mittelalter

Viel ist nicht bekannt über die Frühgeschichte der Krebsmühle. Der nachfolgende abgebildete Kupferstich über den Verlauf des Urselbachs, auf der die „KrebsMühl“ verzeichnet ist, wurde um etwa 1600 erstellt. Es existiert eine frühe Nachbildung dieser Zeichnung, bei der zur „KrebsMühl“ die Jahreszahl 1430 angefügt wurde. Ansonsten liegt die Krebsmühle in einem Feldstück, das bereits im 16. Jahrhundert den Namen „Am Kräbsen“ führte. Und aus dem Jahre 1614 ist verbürgt, dass ein gewisser Lorenz Best dort einen Acker besaß, der „Krebs-Morgen“ genannt wurde. Zur gleichen Zeit wurde die Mühle unter anderem Namen, nämlich als „underste Mühle“ urkundlich erwähnt.

Nicht wirklich viel an gesicherter Information, was auch damit zu tun haben mag, dass die Krebsmühle weit außerhalb von Weißkirchen lag und als Einzelgehöft in unsicheren Zeiten möglicherweise besonders unter Plünderungen und Brandschatzungen zu leiden hatte.

Die Zeichnung mit den gut sichtbaren Geländehöhen macht deutlich,
warum das Gelände der Krebsmühle
auch in alten Zeiten schon hochwassergefährdet war.

Die Krebsmühle im Mittelalter

2. Die Krebsmühle als Getreidemühle

Mit der Geschichtsschreibung hatten es unsere Vorderen nicht so. Aber mit dem Glauben. Und so war es wichtig, die Fertigstellung von Neubauten mit einem sogenannten „Baugebet“ zu krönen, in dem immer auch die Jahreszahl festgehalten wurde. Dieser Umstand lässt die nächsten Etappen der Entwicklung der Krebsmühle trotz fehlender Annalen nachvollziehen.

Im Jahre 1732 erfolgte durch „Johan Mates Rauch und Anna Markraeta sein Hausfrau“ ein radikaler Umbau der Mühle und ein Neubau des Wohnhauses. Die Krebsmühle war (von da an oder doch auch schon früher?) eine Getreidemühle, wie die Insignien der Müllerzunft zeigen, die neben dem Baugebet über der Haustür angebracht waren. Der Text des Baugebetes: „Im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit steht dieser Bau. Ich, Johann Mates Rauch und Anna Margareta, seine Hausfrau. 1732“.

Dass einer der folgenden Besitzer Conrad Scheller hieß, ist wiederum vor allem durch seine Bautätigkeit bekannt. Er ließ im oberen Geländeteil (heute: obere Hofeinfahrt) ein Wirtschaftsgebäude mit Wohnraum, Lagerschuppen und Stallungen bauen und auf einem der Fachwerkbalken festhalten: „ERBAUT VON CONRAD SCHELLER UND DESSEN EFRAU ANNA MARIA GEBORENE HERONIMI IM JAHR DES HERRN 1825„.

Nach fast 150 Jahren wurden diese Gebäudeteile im Jahr 1973 wegen Baufälligkeit abgerissen. Schade – 5 Jahre länger und wir hätten uns drum kümmern können.

Das nächste markante Ereignis verkündet „Der Taunuswächter. Lokalblatt für die Taunus-, Main- und Nidda-Gegend“. Das Blatt meldet am 7. Oktober 1852, das nun die „neue Krebsmühle des Herrn Dröser“ bis auf den äußeren Verputz vollendet sei.

Worin das „brillanteste und originellste“ Honorar „für ein einzelnes Gedicht“ denn nun bestand,
hätten wir gerne gewußt, verrät der Taunuswächter seinen Lesern
und damit auch uns Nachgeborenen aber leider nicht.

Taunuswächter 1852

Der Drösersche Umbau (erstmals nicht nur mit Baugebet, sondern auch mit Zeitungsmeldung dokumentiert) brachte die alten Gebäudeteile der Krebsmühle in das Bild, das im wesentlichen heute noch zu sehen ist. Nur mit dem im Baugebet erflehten Segen war es nicht weit her. Am 30. Mai 1881 wurden sowohl das Mühlengebäude als auch das Wohnhaus durch ein Großfeuer zerstört. Darüber berichtet am 31.5.1881 der „Bürgerfreund“.

Die Dröser-Familie, nach wie vor Besitzer der Krebsmühle, steckte diesen Schicksalsschlag weg und baute wieder auf. Noch im Jahr 1881 waren die Gebäude wieder hergestellt, was wiederum auch durch ein „Baugebet“ dokumentiert wurde:

Was Feuers Glut uns auch geraubt,
Wir haben uns ergeben,
Wer Gott vertraut, fest an ihn glaubt,
Darf hoffend sich erheben.
Drum haben wir voll Zuversicht
Auf Gottes Vatergüte
Den neuen Bau hier aufgestellt,
Daß er ihn stets behüte.
Carl Droeser Marie Droeser geb. Haas
1881

Bürgerfreund 1881

Ja, die Pflicht, sie hat gerufen . . . Dass aber auch bei diesem Brand die geleistete „Hülfe“ nicht mehr viel retten konnte verrät doch einiges über die Wirksamkeit der Feuerwehr in jenen Zeiten.

3. Die Krebsmühle als Brotfabrik

Die Dröser-Ära der Krebsmühle endete erst nach dem Tod von Adam Heinrich Dröser im Jahre 1948. Bis dahin wurde fleißig weiter gemüllert und – mehr noch – das Angebot um fertige Backwaren erweitert. Die Krebsmühle wurde als „Taunusbrotfabrik“ allgemein bekannt. Die nähere und weitere Umgebung wurde durch Pferdekutschen mit Mehl und Brot beliefert. Anfang 1950 wurde der Betrieb eingestellt.

Weiter ging es schon 1952. In diesem Jahr übernahm Paul Schyma zunächst als Pächter, später als Besitzer das Anwesen. Als Neu- und Anbau entstand das dreistöckige Fabrikgebäude, in dem ein moderner Bäckereibetrieb betrieben wurde. Das Mehl wurde zugekauft, die Mühle selbst wie auch das Müller-Wohnhaus und die 1825 entstandenen Gebäudeteile blieben ungenutzt und begannen langsam zu verfallen.

In dieser Zeit begann die eigentliche große Zeit der Krebsmühle als Brotfabrik. Von hier aus wurden mit 16 Fahrzeugen über 900 Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien im weiten Umfeld (natürlich Frankfurt, aber auch Obertaunus, Hintertaunus, Wiesbaden und Mainz) beliefert. Nebenstehend ein Werbefoto aus dieser Zeit. Die Krebsmühle – genauer natürlich: die Weißkirchener Brotfabrik – dürfte im damals noch selbständigen Dorf Weißkirchen einer der größten Gewerbesteuerzahler gewesen sein.

Die Ära Schyma und damit die Brotfabrikzeit der Krebsmühle dauerte nur gut 20 Jahre und endete schon 1974. In Ermangelung eines Nachfolgers für Paul Schyma verkaufte die Familie das Anwesen an den Berliner Brotfabrikanten – und Immobilienspekulanten – Horst Schiesser (der im September 1986  bundesweit bekannt wurde, als er den Gewerkschaftskonzern „Neue Heimat“ für eine Mark kaufte) und seine Firma Geschi-Brot. Deren Pläne, die Gebäude abzureißen und  eine neue Großbäckerei zu errichten, mit dem der Süden der Republik für Geschi-Brot erobert werden sollte, scheiterten am damals wie heute bestehenden Bestandsschutz für die alten Mühlengebäude. 1975 wurde die Brotfabrik endgültig stillgelegt – die Krebsmühle fiel in Dornröschen-Schlaf.

Taunus Brotfabrik

Ein Teil der Lieferflotte in der Einfahrt zur Krebsmühle (vor dem Einbiegen auf die Rosa-Luxemburg-Straße). Niedlich, wie man damals mit ein paar VW-Bussen schon Größe demonstrieren konnte. Das Besondere des Fotos: hier sind noch die 1825 erbauten und 1973 leider abgerissenen Fachwerk-Gebäude zu erkennen. Über allem thront das Mühlengebäude.
Das Foto entstammt der Sammlung Arbogast. Karl-Heinz Arbogast war langjähriger Redakteur der Taunus-Zeitung und hat viele interessante Artikel zur Geschichte der Krebsmühle verfasst.

4. Die Krebsmühle im Dornröschenschlaf

Da lag sie nun im Dornröschenschlaf, ungenutzt, bewacht nur von einem Hausmeister, der Vandalismus und ungenehmigte Fremdnutzung durch Obdachlose verhindern sollte.

Was ’normalerweise‘ weiter mit ihr geschehen wäre, ist schwer zu sagen. Zu dieser Zeit war der Inhaber von Geschi-Brot, Horst Schiesser (1930 – 2010) noch sehr aktiv und seine Firma Geschi-Brot (Konkurs 2010) rege damit beschäftigt, zu expandieren und andere Bäckereien und sonstige Immobilien aufzukaufen bzw. nach Gusto wieder zu verkaufen.

Vielleicht hätte er doch noch einen Weg gefunden, das Gelände selbst zu nutzen. So steht es jedenfalls in seiner Antwort auf eine unverbindliche Anfrage der ASH, ob das Gelände zu mieten oder zu kaufen wäre. Möglicherweise wäre auch ein anderer Interessent aufgetreten und die Krebsmühle heute die 1.501te MacDonalds-Filiale oder ein Getränke-Großvertrieb oder eine Schule? Solcherlei Anfragen hatten wir jedenfalls später.

Allerdings erübrigt sich die Frage, denn im Herbst 1978 übernahm die ASH (Arbeiterselbsthilfe) das Gelände, zunächst im Pacht-, später im Mietkaufverhältnis. Und danach war an Schlaf nicht mehr zu denken …

Horst Schiesser, Besitzer der Krebsmühle im Jahr 1978
Horst Schiesser, Inhaber der Firma Geschi-Brot und damit Eigentümer der Krebsmühle.  Von unseren Verhandlern (das waren die mit den besten Klamotten) wird er damals als „lockerer, etwas verknitterter Typ“ beschrieben, „möglicherweise etwas alkoholisiert“.
© Hilfe zur Selbsthilfe e.V.